top of page

MEINE ERSTE BEWUSSTE SPIRITUELLE REISE


220 km auf dem Jakobsweg, 2011


Es gibt Reisen, die nicht nur Wege sind, sondern Übergänge. Reisen, die einen innerlich öffnen, ohne dass man es vorher weiß. Meine erste bewusste spirituelle Reise war genauso eine: 220 Kilometer auf dem Jakobsweg. Zum Ausprobieren. Zum Kennenlernen. Zum Spüren, wie es ist, mit sich selbst unterwegs zu sein.


Damals war ich noch voll in meiner Mutterrolle. Meine Kinder waren jünger, gut versorgt, sicher — und trotzdem waren sie bei mir. Nicht körperlich, aber in mir. Jedes Kind auf seine eigene Art, mit seinen ganz persönlichen Besonderheiten. Sie begleiteten mich, während ich ging. Sie waren Teil meines Weges, Teil meiner Gedanken, Teil meiner Liebe.


Allein reisen – und doch begleitet sein

Es war meine erste Erfahrung, wie es ist, wirklich allein zu reisen. Mit sich zu sein. Nur mit sich. Den ganzen Tag zu laufen, Wege zu gehen, die Natur zu spüren. Tiere, die einen begleiten. Und Schmetterlinge — so viele Schmetterlinge, als würden sie den Weg mit mir teilen.


Ich begegnete Pilgern, jeder mit seiner eigenen Geschichte. Manche quälten sich über den Weg, mit geschwollenen Füßen, aber sie wollten weiterlaufen. Ich verstand es nicht — und gleichzeitig berührte es mich. Dieser Wille, dieser innere Ruf, der Menschen weitergehen lässt, obwohl alles schmerzt.


Mit einer Freundin unterwegs – 20 bis 25 km am Tag

Eine Freundin begleitete mich. Wir liefen täglich 20 bis 25 Kilometer. Der Rucksack war schwer, viel zu schwer — und so entschieden wir, das Zelt, das wir mitgenommen hatten, einfach am Wegesrand zu lassen. Weniger tragen, mehr Freiheit. Es war eine gute Entscheidung.


Wir machten viele Pausen am Fluss, kühlten unsere Füße, philosophierten über unser Leben. Immer wieder waren meine Kinder präsent. Wie besonders sie für mich waren — und immer sein werden. So viel Liebe. So viel Dankbarkeit.

Zum Glück fanden wir abends immer ein Bett in einem Hostel. Einfach, aber genau richtig.


Der Weg – hochspirituell, kaum zu beschreiben

Ich kann wirklich sagen: Dieser Weg hat etwas Besonderes. Etwas Hochspirituelles. Etwas, das man kaum beschreiben kann — man muss es erleben.

Es ist ein Weg, der einen innerlich sortiert, ohne dass man es merkt. Ein Weg, der einen mit sich selbst konfrontiert, aber gleichzeitig trägt. Ein Weg, der einen verändert, ohne dass man es geplant hat.


Der Obdachlose – eine Begegnung, die mich geprägt hat

Besonders in Erinnerung ist mir ein Obdachloser geblieben. Wir saßen im grünen Gras, tranken kaltes Bier, rauchten — damals rauchte ich noch — und er sprach uns an. Wir gaben ihm ein Bier, und er setzte sich zu uns.

Seine Erzählungen machten mich nachdenklich. Er vermittelte Dankbarkeit für sein Leben, für das, was er hatte. Ich schämte mich ein wenig, weil ich mich unterwegs manchmal beklagt hatte.


Wir trafen ihn drei Mal.


Beim zweiten Mal lud er uns ein. Er hatte eine scheußliche warme Lambrusco oder Sekt — es war wirklich schrecklich. Aber der Moment war schön.

Beim dritten Mal saß er an einem Fluss. Er wirkte betrübt. Er erzählte, dass er über unsere Worte nachgedacht hatte und nun zu seiner Familie nach Portugal laufen möchte.

Wir sagten noch, dass es Richtung Norden nachts kühler werden würde und fragten, was er dann macht, wenn er keine Scheune findet — denn beim ersten Treffen hatte er erzählt, dass er in Scheunen schläft.


Da packte er ein Zweimannzelt aus. Genau das Zelt, das wir einmal am Wegesrand abgelegt hatten.


Es war ein magischer Moment. Ein Moment, der zeigt, wie Wege sich kreuzen, wie Dinge zurückkommen, wie alles miteinander verbunden ist.


Was dieser Weg mir geschenkt hat

Dieser Weg hat mich verändert — oder besser gesagt: Er hat mich weiterentwickelt, geöffnet, gestärkt.


Ich habe erfahren, wie wertvoll es ist, alleine zu reisen. Wie heilsam es ist, mit sich selbst in Kontakt zu sein. Wie befreiend es ist, den Alltag hinter sich zu lassen. Wie tief man sich selbst begegnet, wenn man Raum hat.

Es war meine erste bewusste spirituelle Reise. Und sie hat den Grundstein gelegt für alles, was danach kam.

 
 
 

Kommentare


bottom of page